Stattzeitung für Südbaden Ausgabe 63, 2005-11![]()
Kirchhoff, Bernd/ Höxtermann, Martin:
"Wir setzen einen Gegenpol gegen die Hetze vieler Medien gegen sozial benachteiligte Menschen"
Interview mit Uli Herrmann, Chefredakteur der Freiburger Straßenzeitung "FREIeBÜRGER"
Im Juni 1998 erschien die erste Ausgabe der Freiburger Straßenzeitung "FREIeBÜRGER". Sie wurde von (ehemals) Obdachlosen auf die Beine gestellt, ermöglicht Menschen mit geringem Einkommen Hilfe zur Selbsthilfe, das Verfassen eigener Artikel und Berichte auf der Basis von persönlichen Erlebnissen und Erfahrungen und bietet ein Forum, gesellschaftliche und sozialpolitische Entwicklungen kritisch zu beleuchten. Trotz diverser Krisen und finanzieller Engpässe ist es der Straßenzeitung in den sieben Jahren gelungen, kontinuierlich zu erscheinen und einen sozialkritischen Kontrapunkt gegen den herrschenden Mainstream in der Freiburger Medienlandschaft zu setzen. Die Finanzierung erfolgt ausschließlich über den Verkauf und durch Spenden von Einzelpersonen, Vereinen, Betrieben und der Stadt Freiburg. Derzeit erscheint der FREIeBÜRGER monatlich in einer Auflage von 6000 Exemplaren und kann in der Freiburger City und vor diversen Großmärkten gekauft werden. Bundesweit gibt es seit Anfang der 90er Jahre mehr als 30 Straßenzeitungen mit 4-5 stelligen Auflagestärken, je nach Größe der Stadt, in unterschiedlichen Abständen und größtenteils mit zusätzlichen Projekten. Die bundesweite Kooperation erfolgt über den "Bundesverband Soziale Straßenzeitungen" (BSoS), dem 21 Straßenzeitungen angehören, unter anderem auch der FB. ![]()
SZ: Was ist das Besondere am FREIeBÜRGER (FB)?![]()
Uli Herrmann: Im Gegensatz zu den meisten anderen Straßenzeitungen hat der FREIeBÜRGER keinen großen Träger (z.B. Caritas oder Diakonie) hinter sich. Dies hat für uns den Vorteil der redaktionellen Unabhängigkeit, wir entscheiden selbst über Inhalte und Gestaltung unserer Zeitung. Keiner aus der Redaktion hatte vorher in diesem Bereich gearbeitet, d.h. wir arbeiten ohne professionelle Unterstützung.![]()
SZ: Worin unterscheidet sich der FB von anderen Printmedien?![]()
Herrmann: Fast alle Redaktionsmitglieder und Verkäufer beziehen heute Alg II und von daher haben wir ganz andere Erfahrungen mit diesen so genannten Reformen gemacht. Einige unserer Verkäufer sind auch heute noch wohnungslos, und ich selbst war es von 1983 bis ca. 1995. Deshalb gehen wir mit einem ganz anderen Blickwinkel an solche Themen heran und wir möchten ein Sprachrohr für die Betroffenen sein. Aus diesem Grund ist unsere Art von Journalismus parteilich, aber trotzdem versuchen wir sachlich zu bleiben und auch die Fakten müssen stimmen. ![]()
SZ: Wie entsteht der FB und wie wird er vertrieben?![]()
Herrmann: Jeden ersten und zweiten Mittwoch im Monat finden im Ferdinand Weiß Haus (Tagesstätte für wohnungslose Menschen) unsere öffentlichen Redaktionssitzungen statt. Da unsere Redaktion etwas außerhalb (Nähe Eisstadion) liegt, können die Verkäufer den FREIeBÜRGER auch im FWH kaufen und zwei Verkäufer machen noch in der Innenstadt den Vertrieb. Die Verkäufer kaufen die Zeitung für 80 Cent und verkaufen sie für 1,50 Euro weiter. So verdienen sie an jeder verkauften Zeitung 70 Cent.![]()
SZ: Wie erfolgt die Themenauswahl und nach welchen Gesichtspunkten geschieht dies?![]()
Herrmann: Auf der ersten Redaktionssitzung sammeln wir die Themenvorschläge und versuchen schon einmal einen inhaltlichen Schwerpunkt für die nächste Ausgabe festzulegen. Wir klären ab, wie interessant könnte ein bestimmter Artikel für unsere Leser sein und wer schreibt ihn. Wir haben ein paar feste Seiten (Roman, Kinder, Rätsel usw.) und dann bekommen wir auch noch Anfragen von Organisationen, ob wir nicht einmal über sie berichten könnten. Auch das Titelbild wird im Team besprochen. Es gibt Artikel, über die wir gemeinsam entscheiden, ob wir sie nehmen oder nicht, das kommt aber glücklicherweise relativ selten vor.![]()
SZ: Wer schreibt die Artikel, wer macht Redaktion und Layout?![]()
Herrmann: Wir haben einen festen Stamm von Redakteuren, die regelmäßig schreiben und dann kommen auch noch Gastautoren hinzu. Momentan bilden fünf Leute das feste Redaktionsteam und sichern auch den täglichen Bürodienst ab. Zwei vom Team werden über einen Minijob finanziert und eine Stelle ist über einen Zwei-Euro-Job gesichert. Die restliche Arbeit machen wir ehrenamtlich. Das Layout wird auch von uns selber gemacht, wobei hier die Hauptarbeit von Carina geleistet wird.![]()
SZ: Welches politische Selbstverständnis hat der FB?![]()
Herrmann: Wir verstehen uns als politisch denkende Menschen und haben unsere klaren Standpunkte zu verschiedenen Themen. Im FREIeBÜRGER gibt es keinen Platz für rechte oder sexistische Meinungen. Wir versuchen uns einzumischen und Lösungsvorschläge anzubieten. Leider fehlt uns dabei oft die Zeit, aktiv, wie z.B. beim Runden Tisch, mitzumachen. Man kann schon sagen, dass wir politisch gesehen links denken, allerdings möchten wir nicht als Sprachrohr für eine Partei oder Gruppe benutzt werden. Wir möchten mit der Herausgabe des FREIeBÜRGERs unseren Beitrag zu einer sozialen Gesellschaft leisten.![]()
SZ: Sieht der FB sich als Gegenöffentlichkeit?![]()
Herrmann: Wir sehen uns als Gegenöffentlichkeit und dies ist gerade heute sehr wichtig. Viele Medien beteiligen sich momentan aktiv an der Hetze gegen sozial benachteiligte Menschen. Und hierzu möchten wir einen Gegenpol setzen. Wir vermitteln unseren Lesern, was es heißt, von 345,- Euro zu leben und warum wir gegen Hartz IV sind.![]()
Auch andere Themen, wie z.B. Wagenburgen, Obdachlosigkeit, werden bei uns ausführlicher und mit einem anderen Blickwinkel beschrieben. Es ist schwierig zu sagen, wen wir erreichen möchten. Unsere Leser kommen aus allen gesellschaftlichen Schichten und sind meistens sehr offen uns gegenüber. Das muss allerdings nicht bedeuten, dass sie die gleiche Meinung wie wir vertreten. Utopische Aussichten: Sollte in ferner Zukunft dann einmal unser Ziel, soziale Gerechtigkeit für alle, erreicht sein, werden wir die allerletzte Ausgabe machen, die Redaktionsräume kündigen, unsere Konten auflösen und alle,![]()
die uns auf diesem Weg begleitet haben, zu einem Gläschen Sekt einladen.![]()
Kontakt: Der FREIeBÜRGER e.V., Ensisheimerstr. 20, 79110 Freiburg, Tel. ![]()
0761-31965 25, E-mail: redaktion@frei-e-buerger.de, Homepage: www.frei-e-buerger.de


